• Susanne Rohner

Über Kreativität


Gestern war ich bei Freunden eingeladen. Es ergab sich eine Diskussion über die Kreativität. Meine Freundin, ich nenne sie Anna, sprach darüber, dass ihr Vater ihre Schwester Berta stets als die Kreative bezeichnet. Das sei immer schon so gewesen und nun ärgere sie sich je länger desto mehr darüber. Schliesslich sei sie selber auch kreativ, bloss anders!

Wir philosophierten darüber. Was heisst kreativ? Ist der Ausdruck positiv, oder kann er auch negativ besetzt sein? Wird Berta vom Vater bevorzugt, eben, weil sie kreativ ist? Was macht Berta, dass sie vom Vater als die Kreative bezeichnet wird? Was macht Anna, weswegen sie beim Vater nicht als kreativ gilt? Welche Bedeutung hat das Wort kreativ für den Vater?

Kann es sein, dass der Vater, der schon über 80 Jahre alt ist, für sich den Begriff KREATIV als etwas abgespeichert hat, das eher in Richtung Lebenskunst geht?

Berta ist Tänzerin. Sie verdient wenig Geld, sie raucht und ihr Leben ist manchmal aus den Fugen. Sind diese Merkmale für den Vater eher ungewöhnlich? Ist Berta in den Augen des Vaters eine Versagerin oder ein Genie?

Man müsste ihn fragen. Vielleicht hätte er keine Antwort. Doch interessant ist, dass sich Anna bei den Äusserungen des Vaters schlechter fühlt.


Beim Fragen in meiner Umgebung habe ich interessante Stichworte zur Frage erhalten, was kreativ sei:

Fliessende Magie

Eine eigene Perspektive

Das Leben durch dich

Ein gebannter Moment

Das Sein im Fluss des Lebens

Ausdruck eines Eindrucks


Ob sie mit Kreativität zu tun haben möchte ich deinem Urteil überlassen.


Für mich ist Kreativität geprägt vom Ungewöhnlichen.

Beispiel 1: Wenn ich koche, kann ich ein Rezept nehmen und die Vorgaben genau übernehmen. Ich kann aber auch einfach den Kühlschrank durchsuchen und mit dem, was da ist etwas «zaubern».

Beispiel 2: Wenn ich im Garten arbeite, kann ich die Reihen akkurat und wie gelernt einteilen, ich kann aber auch eine Beetform und Reihen erfinden, die anders angeordnet sind, oder ich kann Kräuter neben «Unkräutern» wachsen lassen.

Beispiel 3: Wenn ich male kann ich genau aus dem Buch abmalen, oder ich erfinde neue Formen und gelange vielleicht zu neuen Techniken, die mir Spass machen.

Beispiel 4: Ich möchte in die Ferien und habe kein Geld dafür. Ich kann mich ärgern, auf andere neidisch sein, oder ich kann mir einen Ort in der Nähe suchen, den ich noch nicht kenne.


Egal, was ich mache, kreativ ist stets das Ungewöhnliche. Etwas, das ich neu denke, oder wage. Für mich hat es immer auch mit Freude, mit Ausprobieren, manchmal mit Improvisation und Erfinden zu tun. Oft ist das Ergebnis eine Überraschung.


Die Kreativitätsforschung beschäftigt sich besonders mit den Fähigkeiten kreativen Denkens (Matussek, M. Pine, F. und Bergmann, A. 1975: Kreativität als Chance. München/Zürich, Piper). Dabei gelten folgende Kriterien als relevant:

Flüssigkeit der Ideen, Originalität, Erfindungsreichtum, Entdeckungsfreude, Lust am Aussergewöhnlichen, Fähigkeit zur Neudefinition, Intelligenz, Problemsensitivität.

Es geht oft darum, «Beziehungen zwischen vorher unbezognenen Erfahrungen oder Begriffen zu finden, die sich in neue Denkschemata, als neue Erfahrungen, Ideen oder Produkte ergeben». Dazu könnten auch folgende Begriffe gehören:

Improvisation und Durchhaltevermögen als Überlebenstechniken, Unvoreingenommenheit, denn das einzig mögliche ist oft da Unerwartete.

Um es zu erlangen, muss man in der Schwebe der Ungewissheit verharren können, ohne durch die dabei auszuhaltende Spannung tiefgreifenden Schaden zu erleiden.


Um zu Anna und Berta zurückzukehren, wage ich zu behaupten, dass das Letztgenannte auf Berta zutrifft. Sie ist vielleicht oft in der Schwebe, was ihr Einkommen betrifft, oder auch, darin, was sie zukünftig machen möchte. So gesehen ist sie bestimmt kreativ, denn siel lebt ja und schafft ihre Hürden. Ihr Beruf als Tänzerin verlangt dazu von ihr, dass sie immer wieder Neues wagt. Das hätten wir weiter oben bei Erfindungsreichtum. Es kann aber durchaus sein, dass Berta in den Augen der Schwester eher einfach wahrgenommen wird. Sie raucht viel. Sie macht wahrscheinlich noch andere Dinge, die Anna nicht verstehen kann.


Und Anna? Sie hat einen Beruf, der ihr mehr Sicherheit gibt. Auch ihr Umfeld und die Familie sind Anker für sie. Sie ist bestimmt besser organisiert, als Berta. Und in ihrem Beruf ist sie immer wieder herausgefordert, neue Ideen zu haben. Zu Hause zeigt sie Sinn für Kultur, Kunst, Musik und Reisen. Anna sieht sich also durchaus als kreative Person, was sie auch ist!


Und der Vater? Offensichtlich trägt der Vater Attribute über seine Töchter mit sich, die er schon früh, in ihrer Kindheit so wahrgenommen und für sich fixiert hatte. Es könnte sein, dass Anna`s Problem mit den Äusserungen des Vaters ein ganz anderes ist.

Das wollen wir dahingestellt lassen. Aber eins ist sicher:

Kreativ kann jede Person werden, wenn sie es nicht bereits ist!


Was bedeutet Kreativität oder kreativ sein für dich? Vielleicht magst du es hier im Blog dazufügen? Ich würde mich sehr freuen!

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