• Susanne Rohner

Der Malraum farbundsinn


Der Malraum ist klein und einfach. Es sind Malwände aus Weichpavatex angebracht, daran werden die Blätter 70x100, oder für Kinder 35x50 mit Pinsteckern aufgehängt. Die maximale Teilnehmerzahl ist 6. In der Mitte steht der Palettentisch.

Weshalb muss jede Farbe eigene Pinsel haben?

Weshalb kann man die Farbe nicht auf einen Teller schöpfen und ohne Hin- und Herwandern malen?

Das hast du dich vielleicht auch schon gefragt. Grundsätzlich lasse ich die erwachsenen Malenden so malen, wie sie es wünschen. Ich freue mich auf jede Person, die bereit ist, überhaupt zu malen, denn meiner Ansicht nach ist diese Tätigkeit sehr wertvoll (siehe Beitrag: farbundsinn, Sinn oder Unsinn?).

Doch das Setting hier beruht auf folgenden Überlegungen und Erkenntnissen:


Unsere Welt ist geprägt von Leistung, Zweckdienlichkeit, Zeitmanagement und Erfolgsdruck. Stets werden wir verglichen und bewertet. Das natürliche Bedürfnis, seiner Individualität Ausdruck zu verleihen, ist dadurch oft verlorengegangen. Wenn ich Menschen treffe und vom Malen erzähle, sind viele dabei, die mir sagen, wie schön, oder, oh, malen wollte ich auch schon lange einmal. Doch die wenigsten machen es dann. Dies ist auch Ausdruck davon, dass es viel Überwindung braucht, es einfach zu tun. Egal, was andere denken und egal, was dabei herauskommt. Eine Teilnehmerin erzählte mir, dass sie gefragt wurde, was man denn da so male. Ihre spontane Antwort war: "nichts". Und das ist genau der Punkt!

Der kleine Raum bietet keinerlei Ablenkung. Der Palettentisch ist Zentrum und Magnet während des Malens. Der/die Malende hat hier die Gelegenheit, seiner Individualität durch Farben Ausdruck zu verleihen. Wenn das Blatt nicht reicht, kann ein weiteres angeklebt werden. Nach dem Beenden eines Bildes, wird gleich mit dem nächsten begonnen. Pausen sind individuell.

Das zweckfreie Malen ist an keine Adresse gerichtet. Der/die Malende malt für sich allein. Er ist Sender und Empfänger der ausgedrückten Botschaften. Der Prozess des Malens verwickelt ihn in einen Dialog, der das Unbewusste und das Bewusste miteinander konfrontiert. Und aus dieser Begegnung entwickelt sich die Gestalt des Bildes. aus: Malen als Lebensspur von Helen I. Bachmann

Die Farben haben ihren bestimmten Platz. Durch das Hin- und Hergehen ergibt sich ein gleitendes Bewegen aller Teilnehmer. Man blickt dadurch immer wieder neu auf sein Werk. Man ist zusammen, aber man stört sich nicht. Man konzentriert sich alleine auf die eigene Stimmung und hat Zeit dafür. Die Gruppe übt eine spezielle Wirkung auf die Malenden aus. Sie zieht sie unwillkürlich in die Aktivität hinein und hilft entscheidend mit, die Disziplin aufrecht zu erhalten. Hier kann jeder in die gleiche Lage kommen, Frustration oder pure Freude erleben, er wird von der Gruppe und deren Ritus gehalten. Beides sind Erfahrungen des Malprozesses.

Alleine daheim im stillen Kämmerlein ist es viel schwieriger, Abwehrmechanismen zu überwinden, oder im entscheidenden Moment an der Arbeit zu bleiben.


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