• Susanne Rohner

Malen als Ausdruck kindlicher Entfaltung aus heilpädagogischer Sicht



Heute malen viele Kinder vorgedruckte Bilder aus. Durch eine Übung, die für das exakte Ausmalen (Hand- Augekoordination) durchaus Sinn macht, wird, wenn fast nur noch so gemalt wird, jegliche Spontaneität der kindlichen Ausdrucksweise beim Malen verunmöglicht, im schlimmsten Fall sogar zugeschüttet. Das Kind meint und lernt dadurch, dass diese Figuren die richtigen sind, solche, die es selber nicht zeichnen kann. Es ist nichts einzuwenden, gegen Comic - Figuren oder Malbücher. Sie sollten aber als solche benannt werden, damit auch das Kind weiss: Figuren können so oder so aussehen. Es gibt eine Vielzahl davon und man könnte sie auch selbst zeichnen.

Die Frage stellt sich, ob ein schlechtes Ausmalbild, beispielsweise ein Bärchen, das von einem Bären gar nichts hat, nicht die Wahrnehmung und das Empfinden für Schönes und Erstrebenswertes beim Malen Kinder besonders beeinflusst. Wenn schon ein Ausmalbild, dann kommt für Kinder (wie bei allen Materialien) nur möglichst gute Qualität in Frage. Möchte man dem Kind altersgemäss etwas Niedliches vorsetzen, schlage ich vor, ein gutes Comicbild zu suchen, das vom Gegenstand einige typische Merkmale aufweist, die richtig sind, z.B. die Pfoten, Körper, oder Kopf. Auch die naturgetreuen Vorlagen, sollten gut ausgewählt werden. Aber weg von den Vorlagen und wieder hin zum selber malen!


Der persönlichen, bildlichen Ausdrucksweise und Kreativitätsentwicklung kann meiner Meinung nach nicht genug Beachtung geschenkt werden! Das Kind hat seine Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Für seine Persönlichkeitsentfaltung benötigt es die Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die Spontaneität. Entwicklung heisst ja nicht erledigen, sondern zur Verfügung haben. Oft möchte das Kind, dass wir ihm etwas vormalen. Das ist nicht falsch, doch der Prozess ist derselbe, wie beim oben erwähnten Vorgang des Ausmalbildes. Besser wäre hier, zusammen zu malen, oder ein Spiel daraus machen, bei dem erst das Kind malt und ich versuche zu erraten, was es ist, danach male ich und das Kind ratet. Das ist lustvoll. Und der Anspruch ist dabei nicht, korrekte Figuren zu zeichnen, sondern solche, die die Eigenschaften des Gegenstandes wiedergeben, woran man ihn erkennen kann.

Wenn Kinder im Malraum frei malen dürfen, das heisst, ohne thematische Vorgabe, dann gehen sie sehr pragmatisch an die Arbeit. Kleine Kinder kritzeln. Und Kinder, die das erste Mal mit dem Pinsel malen, tun etwas sehr Ähnliches wie kritzeln. Sie erproben sozusagen das Material und auch die Bewegungen.

Oft kommen die Bewegungen aus dem ganzen Körper und es ist eine Frage des Alters, ob es den Pinsel bereits länger in derselben Hand halten kann, mit welchem Griff es diesen hält und auch, wie reif seine motorische Entwicklung und Körperkoordination ist. Kleine Kinder ermüden rascher. Sie gehen in die Hocke, auf die Knie, wechseln die Hand ab oder malen beidhändig. Hier sogar mit Kastanie dazwischen, weil diese so wichtig ist :-)

Das Malen im Malraum beginnt meistens mit Linien, Tupfen und Kreisen. Später kommt das oben und unten – meistens Himmel und Erde, dann oft Symmetrien, Kreuze und später Figuren. Es werden Empfindungen auf das Bild gesetzt. Alles hat mit Freude und Entdecken zu tun. Das Kind freut sich an jedem kleinen Tüpfli und kann darüber in Entzücken geraten. Hier ist der wahre Wert dieses Tuns. Später sind diese Stellen vielleicht übermalt, aber auch unwichtig geworden, denn die Erfahrung wurde ja bereits gemacht und ist erledigt. Es kommt zum nächsten Schritt. Kinder und meistens auch Erwachsene beginnen im Malraum mit sehr ähnlichen Schritten. Symbole und Figuren folgen auf die anfänglichen Linien und Kreise. Alle Arbeiten sind für den einen Moment zentral und wertvoll. Der bildliche Ausdruck entwickelt sich prozesshaft. Er wird durch den Akt des Malens in Gang gesetzt und entwickelt dann eine Eigendynamik. Das Erleben des Moments wird ausgedrückt, ohne Rücksicht auf das Bild. Phasen lagern sich übereinander, was zuerst wichtig war, wird von anderen Stadien übermalt, weil es nicht wichtig ist, sie für andere sichtbar zu erhalten, sondern nur, sie für sich selbst gemacht zu haben.

Im Malraum wird dieser unmittelbare, reine Ausdruck angestrebt – sozusagen als Lebensprozess.

Helen I. Bachmann drückt es so aus:


Wenn wir von Ausdrucksentwicklung sprechen, dann meinen wir also Intensität und Genauigkeit, mit der innerpsychische Inhalte Gestalt gewinnen. Ausdrucksfähigkeit und Entwicklung der Persönlichkeit sind dabei einander unterstützende Faktoren. Wichtig ist alleine, dass man nicht etwas ausdrückt, sondern sich.

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