• Susanne Rohner

This is not a face

Aktualisiert: Nov 10


"Das ist kein Gesicht"

Ausführungen über die Kunst der Aufmerksamkeit von Wendy MacNaugthon

Originalfassung:

https://www.ted.com/talks/wendy_macnaughton_the_art_of_paying_attention


Ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster. Ich behaupte, dass in diesem Raum jeder einzelne von uns, als wir klein waren, gemalt hat. Stimmt’s? Stimmt’s? Okay. Vielleicht habt ihr im Alter von vier oder fünf Jahren etwas gemalt und ein Erwachsener hat euch über die Schulter geschaut und gefragt: “Was ist das?” Und Sie sagten: “Das ist ein Gesicht.” Und sie sagten: “So sieht doch kein Gesicht aus. So sieht ein Gesicht aus.” Und dann haben sie folgendes gemalt: Ein Kreis, zwei Mandeln als Augen, diese umgedrehte Sieben, die wir hier haben, und dann eine gebogene Linie. Aber wisst ihr was? Das sieht nicht wirklich wie ein Gesicht aus, okay? Es ist ein Symbol. Es ist visuelle Kurzschrift. Genau so betrachten wir so vieles in unserer heutigen Welt.

00:58 Wir werden ständig mit so vielen Informationen konfrontiert, dass unser Gehirn sie gar nicht verarbeiten kann, und wir füllen die Welt mit Mustern aus. Vieles von dem, was wir sehen, sind unsere eigenen Erwartungen.

01:13 Nun gut. Ich werde euch einen Trick zeigen, mit dem ihr euer Gehirn dazu bringt, wieder aufmerksam zu sein. Habt ihr alle einen Umschlag auf dem “Nicht öffnen” steht? Nehmt den Umschlag, es ist Zeit, ihn zu öffnen. Darin sollte ein Blatt Papier und ein Stift sein. Wenn ihr soweit seid, wendet euch bitte jemanden neben euch zu. Idealerweise zu jemanden, den ihr nicht kennt. Ja, Leute, wir ziehen das durch. Wir ziehen das durch.

01:44 (Lachen)

01:46 Super! Hat jeder einen Partner? Okay, schaut wieder zu mir. Okay, schaut wieder zu mir. Ihr zeichnet euch gegenseitig, okay? Nein, Stopp. Es geht nicht darum, gut zu zeichnen, okay? Darum geht es hier nicht. Wir sehen hin, es geht ums Hinsehen. Alle werden schlecht sein, versprochen, keine Sorge. Ihr zeichnet euch gegenseitig mit zwei einfachen Regeln. Erstens: Ihr setzt euren Bleistift nie vom Papier ab. Eine durchgehende Linie. Nein, vertrauen Sie mir. Hier geht es ums Hinsehen, okay? Eine durchgehende Linie. Zweitens: Sehen Sie nie auf das Papier auf dem Sie zeichnen, okay? Ja, es geht ums Hinsehen. Sehen Sie also immer die Person an, die Sie zeichnen. Jetzt setzen Sie Ihren Stift in die Mitte des Papiers, okay? Sehen Sie Ihren Partner an. Sehen Sie in eines Ihrer Augen. Egal in welches. Dort fangen Sie an. Bereit? Tief einatmen. (Atmet ein). Und los geht’s.

02:49 Jetzt malt einfach, aber achtet darauf, wo ihr seid, ihr fangt dort an und dann seht ihr eine Ecke, vielleicht eine Kurve. Beachtet diese kleinen Linien und Wimpern. Manche tragen Masken, manche keine. Arbeitet einfach damit. Lasst euch Zeit. Seid aufmerksam und zeichnet, was ihr seht. Und nicht nach unten sehen. Macht einfach weiter. (Gemurmel) Nur noch fünf Sekunden. Und Stopp. Schaut euch eure schönen Zeichnungen an.

(...)

03:43 Das war wunderschön. Sie sehen furchtbar aus, aber sie sind wunderschön. Warum sind sie herrlich? Weil ihr gerade ein Gesicht gemalt habt. Ihr habt gezeichnet, was ihr gesehen habt, und kein Gesicht, wie ihr es euch vorstellt, oder? Ihr habt auch etwas getan, was Menschen selten tun. Ihr hattet gerade mit jemanden innigen Augenkontakt ohne davor zurückzuschrecken, und das fast eine Minute lang. Durch das Zeichnen habt ihr euch besonnen, ihr wart aufmerksam, ihr habt jemanden genau angeschaut und ihr habt genau das zugelassen. Gut gemacht. Diese Art des Zeichnens schafft eine unmittelbare Verbindung, wie nichts anderes. Nun gut.

04:29 Ich bezeichne mich als Illustratorin und Grafikjournalistin. Ich zeichne, erzähle Geschichten. Ich verbringe Zeit mit Leuten, schaue hin und höre zu. Ich nehme die Worte dieser Menschen und verknüpfe sie mit meinen Zeichnungen vom Leben, so wie ihr es gerade gezeichnet habt. Für mich ermöglicht diese Art des Zeichnens viele Dinge, die die Fotografie nicht kann. Richtet man eine Kamera auf euch, wie fühlt ihr euch dann? Etwas verdinglicht, oder? Beim Zeichnen halte ich das Skizzenbuch niedrig und halte einen Kanal zwischen mir und der Person, die ich zeichne, offen. Oftmals sieht mich jemand beim Zeichnen und wird neugierig. Sie kommen zu mir und ein authentisches Gespräch entsteht.

(...)

10:48 Zeichnen lässt uns innehalten. Es hält unsere Hände in Bewegung, sodass wir auf Dinge achten können, die wir normalerweise übersehen oder ignorieren. Studien belegen, dass Zeichnen eine der effektivsten Möglichkeiten für Kinder ist, ihre Gefühle zu verarbeiten, und das gilt auch für Traumata. Es hilft uns, über Schwieriges zu reden. Bei DrawTogether sagen wir folgendes, auch wenn es sich abgedroschen anhört: Zeichnen heißt hinschauen und hinschauen heißt lieben. Wenn wir den Kindern das richtige, unterstützende Umfeld bieten können, hilft ihnen das Zeichnen, Perfektionismus und Versagensängste loszulassen, sodass sie, anders als Sie und ich, und vor allem diejenigen von uns, die etwas ausgeflippt sind, als ich vorhin sagte, dass wir zeichnen werden, oder? Wir können die negativeren Selbsteinschätzungen sausen lassen, damit wir sie später nicht ungeschehen machen müssen.

11:54 Ich erwarte nicht, dass Sie alle Zeichner werden. Aber ich weiß, dass wir alle, Kinder, Erwachsene, jeder in diesem Raum, wir alle besser hinsehen können. (...) Wenn Sie innehalten, verspreche ich, sind Sie aufmerksam und Sie schauen hin: Sie werden sich wieder in die Welt und in alle Menschen darin verlieben. Nach den letzten Jahren brauchen wir alle dringend eine Möglichkeit, uns gegenseitig und uns selbst genau anzuschauen und die Wahrheit über das, was wir sehen, zu sagen. Vielen Dank.

13:02 (Beifall)

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